[5.1.2005]
Tom Ottersen, seit 1971 am Klinikum Lahr-Ettenheim tätig und somit der dienstälteste Oberarzt, wird zum Ende des Jahres in den Ruhestand verabschiedet. Wir sprachen mit dem Mediziner.
Sie haben beinahe Ihr gesamtes Berufsleben als Arzt im Klinikum Lahr-Ettenheim verbracht. Was hat Sie dazu bewogen? Hatten Sie keine Sehnsucht nach Ihrer norwegischen Heimat?
Ich habe bereits mein gesamtes Medizinstudium in Freiburg absolviert. Während dieser Zeit habe ich meine Frau, die aus Freiburg stammt, kennen gelernt. Meine Medizinalassistentenzeit verbrachte ich in Norwegen. Wenn man dort Gynäkologe werden will, muss man ein Jahr Chirurgie oder Urologie nachweisen. Der damalige Chefarzt der Chirurgie und Urologie in Lahr, Prof. Maurath, gab mir die Gelegenheit, hier die Ausbildung wahrzunehmen. Danach bewarb ich mich bei Dr. Fuchs um eine Stelle in der Gynäkologie und Geburtshilfe. Ich hatte von Anfang an keine Probleme mit der Mentalität. Außerdem fühlte ich mich in der Klinik sehr wohl. Dr. Fuchs war ein sehr angenehmer Chef; außerdem verstand ich mich mit dem leider allzu früh verstorbenen ersten Oberarzt Dr. Gareiss sehr gut. Ich blieb in der Abteilung, wurde 1974 zweiter und 1988 erster Oberarzt. Da ich meinem Hobby Skifahren – damals gab es noch genügend Schnee – auch hier frönen konnte, hielt sich mein Heimweh in Grenzen.
Was hat sich verändert im Vergleich zum Beginn Ihrer Tätigkeit in Lahr?
In den ersten Jahren kannte man sich, da die Abteilungen noch wesentlich kleiner waren. Das vermisse ich ein wenig. Man hatte viel mehr Kontakte zu den Patientinnen, da der administrative Aufwand wesentlich geringer war. Bedingt durch die Gesetzgebung hat das heute Ausmaße angenommen, die nur schwer zu bewältigen sind. Positiv waren die Entwicklungsmöglichkeiten und das selbständige Arbeiten, das man mir ermöglichte.
Im Jahr 1976 haben Sie begonnen, Pelviskopien – auch als Knopfloch-Chirurgie bezeichnet – an Ihren Patientinnen vorzunehmen. Können Sie bitte das Verfahren kurz erläutern und die Vorteile dieser Untersuchungsmethode aufzeigen? Hat sich diese Methode in der Frauenheilkunde etabliert?
Bei dieser Untersuchungsmethode wird durch sehr kleine Schnitte am Bauchnabel und Unterbauch zwischen Bauchdecke und Eingeweiden Kohlensäuregas eingefüllt. Das schafft Freiräume und mittels Lichtleitertechnik eine gute Sicht im gesamten Bauchraum. Diese von mir vor 30 Jahren eingeführte Methode wird in der Gynäkologie bei gutartigen Geschwülsten, Zysten und Tumoren am Eierstock, bei Eileiterschwangerschaften und zur Abklärung von Eileiterdurchgängigkeit bei Kinderwunsch eingesetzt. Auch die Sterilisation bei abgeschlossener Familienplanung wird mittels dieser Methode durchgeführt.
Seit 1993 wird diese Operationstechnik in der Gynäkologie noch durch die Gebärmutterspiegelung (Hysteroskopie) ergänzt. Durch die Endoskopie der Gebärmutterhöhle mit einem Hysteroskop kann nicht nur die Ausschabung effektiver und zuverlässiger gestaltet werden, sondern auch Veränderungen in derselben (oberflächliche Myome, Polypen etc.) können gezielt entfernt werden. Diese Methoden sind aus der heutigen Medizin nicht mehr wegzudenken, das gilt auch für andere medizinische Fachgebiete wie Innere, Chirurgie usw. Die Entwicklung in den letzten zwanzig bis dreißig Jahren war riesig.
Durch den relativ kleinen Einschnitt haben die Frauen weniger Schmerzen und sind schneller wieder mobil. Das hat auch volkswirtschaftliche Vorteile, da die Patientinnen viel schneller wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren können.
Wie viele dieser Untersuchungen haben Sie durchgeführt?
Seit Beginn haben wir in unserer Klinik etwa 11.500 Bauchspiegelungen und zirka 1.500 Gebärmutterspiegelungen vorgenommen. Wie viele von mir selbst durchgeführt wurden, kann ich nicht genau sagen, es waren jedoch mit Sicherheit über die Hälfte.
Wie sieht ihre ganz persönliche Bilanz aus?
Ich bin dankbar für die vielen Jahre, die ich als Arzt im Klinikum Lahr-Ettenheim verbringen durfte. Man gab mir die Möglichkeit, etwas zu entwickeln und aufzubauen.Ich bin auch der Verwaltung sehr dankbar. Man hat mir immer die mitunter recht teuren Geräte beschafft, die ich für meine Haupttätigkeiten, nämlich Ultraschall und Bauchspiegelungen, benötigt habe. Ich danke allen, die mich während meiner aktiven Laufbahn gefördert und unterstützt haben, insbesondere Herrn Dr. Fuchs und Herrn Professor Göppinger.
Was haben Sie sich für den Ruhestand vorgenommen? Werden Sie in Ihr
Heimatland zurückkehren?
Ehrlich gesagt, ich habe ein etwas mulmiges Gefühl. Ganz ohne Medizin kann ich nicht leben. Da man in Norwegen keine Altersbegrenzung kennt, werde ich in Tromsö an der dortigen Universitätsklinik noch etwas weiterarbeiten. Ich werde vorerst mit meiner Familie in Lahr wohnen bleiben und meinen Hobbys, dem Golfspiel und dem Skifahren frönen. Außerdem haben wir vor, viel zu reisen. Zu diesem Zweck haben wir einen Campingbus angeschafft. Es wird mir also mit Sicherheit nicht langweilig werden.
Text: Landratsamt Ortenaukreis